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Gunnar Kilian Blog

Arbeit und Wirkung – Ein Plädoyer für ein integratives Paradigma

Writer: Gunnar Kilian
Gunnar Kilian
11 minutes ago
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Bundeskanzler Friedrich Merz appelliert seit seinem Amtsantritt im Mai 2025 kontinuierlich an die Deutschen, mehr Stunden zu arbeiten, um produktiver zu werden. Der Wohlstand der Bundesrepublik hinge davon ab.


Angesichts der eingetrübten Wirtschaftsprognosen, vor dem Hintergrund multipler globaler Krisen, muss dieser Kanzler-Appell wohl eher pointiert verstanden werden. Denn seine Annahme über Produktivität ist grundsätzlich nicht falsch. Doch sie ist unvollständig. Sie reduziert Arbeit ausschließlich auf Zeit und verkennt damit ihren multidimensionalen Wert.


 

Arbeitszeiterhöhung allein richtet gar nichts


Eine Erhöhung der Arbeitszeit entfaltet nur dann Wirkung, wenn sie in funktionierende Strukturen eingebettet ist, auf Qualifikation und Innovation trifft und sinnvoll eingesetzt wird. Ist dies nicht der Fall, kann eine Arbeitsstundenerhöhung sogar bestehende Ineffizienzen fördern. Für diese Feststellung brauchen wir nicht einmal Ökonomen wie Adam Smith, Karl Marx oder Robert Solow ins diskursive Feld führen. Denn auch Friedrich Merz wird wissen, dass Zeit nur ein Produktivitätsfaktor von vielen ist. Und er wird auch wissen, dass Arbeit darüber hinaus mehr als ein ökonomischer Faktor ist. Sie prägt gesellschaftliche Teilhabe und individuelle Lebensführung. Wird Arbeit hingegen allein als zeitlicher Faktor betrachtet, droht der umfassendere Wert verloren zu gehen. Und das hätte Folgen für den gesellschaftlichen Zusammenhalt, individuelle Motivation und letztlich auch für die wirtschaftliche Leistungsfähigkeit unseres Landes. Dass solche Kettenreaktionen entstehen können, haben uns die Krisen der jüngeren Vergangenheit gelehrt. Auch wenn sich die aktuelle Polykrise von der Arbeitsmarktkrise 2002, der Finanzkrise 2009, der Flüchtlingskrise 2015, der Coronapandemie 2020 in ihrer Wirkung unterscheidet, hatte jede dieser Krisen spürbare Auswirkungen auf die Arbeitswelt. Das ist heute nicht anders.


Daher ist das wirtschaftliche Warnsignal, das der Kanzler mit dieser Debatte gesetzt hat, nicht falsch. Der Wohlstand Deutschlands muss auch in der aktuellen Polykrise erhalten bleiben. Dazu bedarf es aber einen erweiterten Blick auf den Wert von Arbeit. Nur dann können wir die richtigen Stellhebel Richtung Prosperitätssicherung gezielt bedienen.


Das hat mich mein gesamtes Berufsleben beschäftigt. In meiner früheren Tätigkeit im Betriebsrat, verstärkt mit dem Fokus auf den Interessen der Arbeitnehmer, und später als Personalvorstand und Arbeitsdirektor, mit der Verantwortung für die Gesamtorganisation.



Ein erweiterter Blick auf den Wert von Arbeit

 

Die dabei gewonnenen Erfahrungen haben meinen Blick auf den Wert von Arbeit nachhaltig geprägt und mich – ohne einen universellen Anspruch darauf zu erheben – fünf Dimensionen erkennen lassen, die integrativ gedacht werden müssen, wenn wir Wohlstand sichern wollen.


 

Wirtschaftlich-soziale Dimension


• Wohlstand & Stabilität


Wirtschaftlicher Erfolg und Beschäftigungssicherung bedingen einander.

Organisationale Dimension


• Effizienz & KI


Prozesse optimieren, »Work Friction« minimieren und Komplexität abbauen.

Bildende Dimension


• Wissen & Upskilling


Bildung und Weiterbildung als zentraler Treiber des Erfol

Sinnstiftende Dimension


•  Motivation & New Work


Bedeutsame Arbeit entfesselt Kreativität und echte Mitgestaltung.

Humanzentrierte Dimension


• Gesundheit & Balance


Bedingungen, die Gesundheit schützen und Vereinbarkeit stärken.



Erstens: Die wirtschaftlich-soziale Dimension


Arbeit schafft nicht nur Wertschöpfung. Sie ermöglicht zugleich gesellschaftliche Stabilität. Unternehmen sichern Einkommen, finanzieren soziale Systeme und schaffen Räume für Teilhabe. Wirtschaftlicher Erfolg und sozialer Zusammenhalt sind dabei keine Gegensätze, sondern bedingen einander. Spätestens seit dem Wirtschaftswunder oder der prosperierenden Entwicklung infolge des Mitbestimmungsgesetztes von 1976 wird deutlich, dass wirtschaftlicher Erfolg und Beschäftigungssicherung, definiert als gleichrangige Unternehmensziele, eine gesellschaftlich stabilisierende Wirkung erzielen. Das muss den Nukleus bilden, aus dem heraus wir weiter unseren Wohlstand stärken.



Wirtschaftlicher Erfolg und Beschäftigungssicherung, definiert als gleichrangige Unternehmensziele, erzielen eine gesellschaftlich stabilisierende Wirkung. Das muss den Nukleus bilden, aus dem heraus wir weiter unseren Wohlstand stärken.


Zweitens: Die organisationale Dimension


Gut strukturierte Arbeit erhöht Effizienz, vermeidet Verschwendung und steigert die tatsächliche Produktivität pro eingesetzter Stunde. Dazu gehören funktionierende Prozesse ebenso wie gute Führung, sinnvolle Aufgabenteilung und die richtigen Tools. Künstliche Intelligenz kann hier ein Game Changer sein. Gezielt eingesetzt, kann sie sogenannte »Work Friction« minimieren. Dazu müssen Organisationen Menschen, Daten und Technologien verbinden und so Betriebsmodelle schaffen, die sich selbst sukzessiv optimieren. Dadurch kann Innovationskraft gefördert und gleichzeitig Komplexität reduziert werden.


Drittens: Die bildende Dimension

 

Arbeit wird dort wertvoller, wo Wissen, Fähigkeiten und Lernmöglichkeiten wachsen. Investitionen in Bildung und Weiterbildung zahlen sich nicht nur individuell, sondern auch gesamtwirtschaftlich aus. Wenn aufgrund der aktuellen ökonomischen Lage viele Unternehmen in Deutschland Effizienzprogramme starten, dürfen Investitionen in diesen zentralen Sektor nicht wegrationalisiert werden. Gerade im Zeitalter der Digitalisierung bleibt Bildung ein zentraler Treiber des wirtschaftlichen Erfolgs.


Viertens: Die sinnstiftende Dimension

 

Arbeit, die als bedeutsam erlebt wird, fördert Motivation, Kreativität und Verantwortungsbewusstsein. Das ist entscheidend für die nachhaltige Leistungsfähigkeit eines Unternehmens. Beschäftigte wollen heute mehr als umsetzen. Sie möchten aktiv gestalten und teilhaben. Oder wie es der »New Work«-Begründer Frithjof Bergmann definierte: Sie wollen »Arbeit, die ein Mensch wirklich, wirklich will«. Wenn wir das Potential sinnstiftender Arbeit entfesseln, können die genannten Effekte, wie Kreativitätszuwachs, Produktivität maximieren.


Fünftens: Die humanzentrierte Dimension


Arbeitsbedingungen, die Gesundheit schützen und Vereinbarkeit von Privat und Beruf ermöglichen, tragen dazu bei, dass Menschen langfristig leistungsfähig bleiben. Eine kurzfristige Intensivierung von Arbeit kann hingegen langfristige Kosten erzeugen. Exemplarisch ist das bereits bei sanierungsbedürftigen Systemen wie den Krankenkassen oder der Rente zu beobachten. Hier gilt es anzusetzen. Nicht nur um die Produktivität zu erhöhen, sondern auch, um in Teilen dem wirtschaftlichen Damoklesschwert »Demographischer Wandel« innovativ sozial zu begegnen.



Der Wert der Arbeit liegt in ihrer Wirkung


In der Summe zeigt sich: Der Wert von Arbeit liegt nicht primär in ihrer Dauer, sondern in ihrer Wirkung. Der Hebel liegt also in Organisation, Technologie, Bildung und Motivation. Daher muss der Reformwillen der Regierung in puncto Arbeit davon getragen werden, Arbeit als integratives Paradigma zu verstehen und infolgedessen bessere Rahmenbedingungen für produktive, qualifizierte, motivierende und nachhaltige Arbeit zu schaffen. Darin liegt – analytisch wie praktisch – ein tragfähiger Weg aus der wirtschaftlichen Schwäche, hin zur Wohlstandssicherung.




 

Gunnar Kilian

Gunnar Kilian

Ehemals Konzernvorstand für Personal bei der Volkswagen AG, zählt laut Personalmagazin zu den »40 führenden Köpfen des Personalwesens«. Er ist ein profilierter Experte für die Gestaltung komplexer Veränderungsprozesse und die Zukunft der Arbeit in der Großindustrie.

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